Riess läuft starkes Rennen beim Berlin-Marathon
Lauftreff-Läufer meistert Hitze auf der zweiten Streckenhälfte – Rennen der Weltklasse wird von dramatischem Weltrekord-Fehlversuch überschattet
Als Felix Riess am Sonntagmorgen an der Startlinie des Berlin-Marathons stand, hatte er nicht nur 42,195 Kilometer vor sich. Hinter ihm lag bereits ein langes, intensives Laufwochenende in Berlin – und im Gepäck hatte er die Erinnerung an einen besonderen Moment: den Lauf am Vortag, als er gemeinsam mit seinem Sohn Lennart zum ersten Mal gemeinsam die Berliner Stimmung erlebt hatte.
Startnummer, Messe und ein Lauf mit Hendrik Pfeiffer
Begonnen hatte das Wochenende schon am Donnerstag mit der Startnummernabholung auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Die Organisation lief so reibungslos, dass noch reichlich Zeit blieb, um über die große Laufmesse zu schlendern. Adidas präsentierte sich dort mit dem mit Abstand größten Stand, doch auch die übrigen namhaften Sportartikelhersteller waren vertreten – ebenso zahlreiche Laufveranstaltungen von Shanghai bis zum Rennsteiglauf, die für ihr Angebot warben.
Am Freitag nahm Riess an einem BLACKROLL Community Run mit Hendrik Pfeiffer teil, einem der bekanntesten deutschen Marathonläufer der Gegenwart. Nach kurzem Aufwärmen ging es gemeinsam über fünf Kilometer durch das Tempelhofer Feld. Pfeiffer nahm sich für jeden Teilnehmer Zeit, hatte freundliche Worte übrig und stand für Fotos bereit. Am Sonntag lief er dann selbst als Pacer für seine Frau, die den deutschen Rekord angreifen wollte – aus gesundheitlichen Gründen musste sie das Rennen allerdings abbrechen.
„Mein Sohn sollte diese unglaubliche Stimmung selbst erfahren“, hatte sich der 55-Jährige vorgenommen. Beim Generali 5K, der am Samstag im Wesentlichen über die letzten Kilometer der Marathonstrecke vom Potsdamer Platz zum Brandenburger Tor führte, gingen beide Seite an Seite an den Start. Riess wollte es bewusst ruhig angehen lassen, schließlich warteten am nächsten Tag die eigentlich großen Aufgaben – für Lennart war es ohnehin der allererste Fünf-Kilometer-Lauf überhaupt. Gemeinsam liefen sie die Strecke in 32:25 Minuten und kamen zeitgleich ins Ziel. Riess belegte damit Platz 236 in seiner Altersklasse, Lennart wurde 445. Es war schon ein kleiner Vorgeschmack auf den Marathon – mit der passenden Stimmung.
Doch für Felix war der kurze Lauf nur der Auftakt. Sein eigentliches Ziel wartete am nächsten Morgen.
Ein gleichmäßiger Start
Beim 52. BMW Berlin-Marathon stellte sich Felix Riess vom Lauftreff TV Schwanewede einem riesigen internationalen Teilnehmerfeld. Rund 56.000 Läuferinnen und Läufer aus 162 Nationen gingen auf die Strecke durch die Hauptstadt.
Felix fand schnell seinen Rhythmus. Die ersten Kilometer lief er kontrolliert und gleichmäßig – genau so, wie man einen Marathon angeht. Bis zur Halbmarathonmarke blieb sein Tempo zwischen 6:13 und 6:26 Minuten pro Kilometer. Nach 21,1 Kilometern zeigte die Uhr 2:14:25 Stunden.
Am Rand der Strecke sorgten rund 1,2 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer für eine beeindruckende Kulisse. Musik, Zurufe und Applaus begleiteten die Läuferinnen und Läufer durch die Straßen Berlins. „Es gibt keinen Meter, auf dem man nicht von irgendjemandem angefeuert wird“, beschreibt Riess die Atmosphäre. Doch mit jedem Kilometer wurde die Belastung größer.
Die Hitze wird zum Gegner
Während die Temperaturen am Morgen noch bei etwa 13 Grad lagen, kletterten sie im Laufe des Vormittags auf fast 20 Grad. Als am Nachmittag die Sonne herauskam, bekam Riess das deutlich zu spüren und musste immer wieder Gehpausen einlegen. Besonders zwischen Kilometer 25 und 40 wurden die Beine schwer, die Kraft ließ nach, und sein Tempo sank auf mehr als 7:30 Minuten pro Kilometer. Etwas Erleichterung verschaffte ihm sein Sohn Lennart, der ihn gleich dreimal an der Strecke „besuchte“ und mit Getränken und kleinen Snacks versorgte.
Aufgeben kam für ihn trotzdem nicht infrage. Felix kämpfte sich durch die schwierige Phase und hielt Kurs auf das Ziel am Brandenburger Tor. Als nur noch gut zwei Kilometer vor ihm lagen, fand er noch einmal zu seinem ursprünglichen Tempo zurück.
Mit einem beherzten Schlussspurt lief er über die Ziellinie. Nach 4:47:51 Stunden war der Marathon geschafft. In seiner Altersklasse M55 belegte er Platz 1.683.
Weltklasse und ein dramatisches Finale
An der Spitze des Feldes wurde der Marathon zu einem Rennen der Extraklasse. Bei den Männern siegte der Äthiopier Guye Adola in 2:02:50 Stunden – persönliche Bestzeit und die dreizehntschnellste Marathonzeit der Geschichte. Dida Diriba aus Äthiopien und der Tansanier Gerald Geay komplettierten das Podium. Bester Deutscher war Haftom Welday, der in 2:08:25 Stunden nur knapp an seiner persönlichen Bestzeit vorbeilief.
Bei den Frauen sorgte Titelverteidigerin Tigst Assefa für das spannendste Rennen des Tages. Bis kurz vor Kilometer 40 lag die Äthiopierin auf Weltrekordkurs. Dann bekam sie Krämpfe und wurde offenbar zusätzlich von einer Sehnenverletzung gebremst. Sie musste das Tempo deutlich reduzieren, brachte den Sieg aber trotzdem ins Ziel.
Assefa gewann in 2:11:04 Stunden, stellte damit einen Streckenrekord auf und lief die drittschnellste Frauenzeit aller Zeiten. Der Weltrekord blieb allerdings mehr als eine Minute entfernt. Schnellste Deutsche wurde die Berliner Polizistin Anna Langerwisch mit persönlicher Bestzeit von 2:27:31 Stunden.
Für Felix Riess zählte an diesem Tag vor allem eines: Er hatte die 42,195 Kilometer geschafft. Als er durch das Brandenburger Tor ins Ziel lief, war die schwere Nachmittagsphase schnell vergessen. Und vielleicht war der gemeinsame Fünf-Kilometer-Lauf mit Lennart am Vortag der schönste Teil seines intensiven Berlin-Wochenendes.